YOSHIKI HAYASHI (X-JAPAN)

Exklusiv-Interview mit YOSHIKI HAYASHI (X-JAPAN) vom 15.10.2017

Es ist ein ungewöhnlicher Tag, an welchem ich mich zu dem Interview mit einem der wohl bedeutendsten Rockstars der Welt begebe — ungewöhnlich nicht nur des warmen Wetters wegen, sondern vor allem deswegen, weil der Name des Musikers hierzulande so gut wie niemandem ein Begriff ist. Noch nicht. 

Dabei kann Yoshiki Hayashi von der Band X-JAPAN auf eine fast 30-jährige Musiker-Karriere zurückblicken, die sondergleichen sucht: 1982 in Tateyama (Chiba) zusammen mit seinem Schulfreund Toshi gegründet, verkauften sich bis heute rund 30 Millionen Singles und Alben, schafften sie es 18 mal den 55.000-Menschen fassenden Tokyo Dome zu füllen und veröffentlichten fünf Studio-Alben, sechs Live-Alben und zehn Best-of-Alben. 

Ein japanischer Mega-Rockstar in Wien — der Stadt von Beethoven, Mozart und dem Inbegriff klassischer Musik. Was auf den ersten Blick komplett gegensätzlich wirkt, entpuppt sich als wahr gewordener Traum, denn Yoshiki, dessen Vater selbst sehr musikinteressiert war und ihm zu jedem Geburtstag ein neues Instrument schenkte, startete seine musikalische Karriere mit Klassik. Bereits im frühen Alter von vier Jahren fing er an Klavier zu spielen, was seine Musik bis zum heutigen Zeitpunkt prägt: 

It’s so cool to be in Vienna, I mean, I did start playing the piano since I was 4 years old — of course I started listening to Beethoven, Mozart of course, Schubert (…) and I’m also studying classical music, too - composing Symphonies and so on - and Beethoven is my hero! Actually it is interesting: When somebody would ask me „if you could collaborate with anyone in the world, you know, dead or not, who would you work with?“ I would say Beethoven! People think I would say a rock-artist or something like that, but I love classical music!“

Obwohl seine Liebe zur Klassik ihn stets begleitete, sollte ein tragischeres Ereignis den Grundstein für seine Karriere legen: Es war der Selbstmord des Vaters, als Yoshiki gerade einmal 10 Jahre alt war, welcher ihn auf der Suche seiner Trauer, Wut und Verzweiflung einen Ausdruck zu geben, zur Rock-Musik führte: „At that time I was so sad, so angry, and when I found Rock, it fitted perfectly to the feeling I had.“ 

Dabei waren für das eher konservative Japan der 1980er Jahre nicht nur die unglaublich schnellen Drum, Bass und Gitarrensolos und harten Klänge der Band, sondern auch ihr äußeres Erscheinungsbild revolutionär: Sich an der Musik und den Looks von KISS und später David Bowie orientierend, entwickelte X-JAPAN einen ganz eigenen, noch nie da gewesenen Stil-Mix aus extravaganten Kostümen, Tonnen von Make-up und androgyner Ästhetik, dessen Ursprung teils auch auf Ideale japanischer Schönheitsvorstellungen zurückgeführt werden kann und allgemein als „Visual Kei“ bekannt wurde. 

„I was playing classical music before rock - I did never stoped playing classical music - but it so full of some kind of „rules“ and so I thought Rock has more freedom to express anything you want. But when we starting doing this we got to know that Rock music wasn’t actually not that free, so we wanted to rebel also with our looks against any rules.“

Die Kombination aus Speed Metal/Hard-Rock und Schminke sorgte in Japan allgemein für Aufregung und genderspezifische Verwirrung: 

„we were playing really heavy music and critics told us „why don’t you dress up like a man?“ or more „manly“, not like a princess or anything - so I thought that especially now I want to shop up like that, dressed like a princess, while playing heavy music!“

Von der Jugend als Befreiung gesehen, von Traditionalisten verschmäht, wurde diese Art Musik-Revolution sondergleichen genauso verehrt, wie auch gefürchtet — war es doch für die Kritiker eine Herausforderung: Wo sollte man ihre Musik einteilen, wie ist sie zu verstehen? 

The critics kind of freaked out, because we couldn’t belong anywhere, they couldn’t define what we are, so, but at the same time, the fan-community started growing little by little, when we played in clubs… but until we played in big stadiums we were trashed by critics!“

Dabei war die Musik und der Look X-JAPANs für Yoshiki in dieser Zeit nicht nur eine Revolte gegen konservative Denkweisen, sondern ein Ausdruck der Rebellion gegen sich selbst: seine suizidalen Gefühle, seine Trauer, Wut und die Einschränkungen seines eigenen Körpers, welche — bereits von seiner Mutter als zu schwach zum überleben gesehen wurde — ihn auch heute noch verfolgen.

Die harte Musik und das unangepasste Äußere waren somit eine Art Medium und Hilfe zugleich, seinen Emotionen Ausdruck, wie auch Erlösung verschaffen zu wollen:

I was almost a rebel against anything, pretty much…You know, first of all, I didn’t want to live, was very suicidal… and later, X-JAPAN was pretty much like a Punk-Rock band.“

Dass das „X“ im Namen der Band ein Synonym für „unendliche Möglichkeit“ ist, und somit noch mehr jenes Gefühl von Unabhängigkeit und Rebellion unterstreicht, fand Yoshiki jedoch erst im Nachhinein hinaus: 

 „X“ means „infinite possibility“, basically it means„nothing is impossible“! We didn’t know that actually… First of all we named the band „X“, because we didn’t know how to name it, then we thought „why don’t we just name the band X?“ — temporarily (…) But then we went to America and there’s a band in America that is already called „X“, so we re-named ourselves „X-JAPAN“. 

Nicht nur der Name, sondern auch ihre Besatzung änderte sich über die Jahrzehnte mehrmals. In ihrer vorerst endgültigen Besetzung bis 1997 waren Yoshiki am Schlagzeug, Toshi als Sänger, Taji am Bass, Pata und Hide als Gitarristen engagiert. 

Mit der japanischen Mentalität und Kultur aufgewachsen, durch westliches Denken und Musik geprägt und beeinflusst, kann X-JAPAN als eine der ersten inter-kulturellen Bands überhaupt gesehen werden. Dennoch, der Durchbruch außerhalb Japans sollte für lange Zeit nicht gelingen. Als die Band versuchte in Amerika Mitte der 1990er Fuß zu fassen, galt die Sprachbarriere - ihre Songs waren größtenteils auf japanisch und auch die Bands selbst sprach nur gebrochenes Englisch - als unüberwindbar. 

Zwanzig Jahre später steht Yoshiki kurz davor, sein neustes Album fast ausschließlich in englischer Sprache zu veröffentlichen. Bereits im März angekündigt, soll die Platte nun im Frühjahr nächsten Jahres (2018) erscheinen. Der Verzicht auf japanische Lyrics ist einerseits für den seit fast 20 Jahre in L.A. lebenden Künstler „natürlich“ und soll andererseits darauf ausgerichtet sein, ein breiteres, englisch-sprachiges Publikum anzusprechen.

Doch es ist nicht nur die sprachliche Barriere, die den Erfolg der Band im Westen bisher erschwerte - es ist das Schicksal des ständigen Verlustes, welche vor allem Yoshiki verfolgt: Noch von dem tragischen Selbstmord seines Vaters gezeichnet, zerbrach die Band 1997 aufgrund des Austritts des Frontsängers Toshi, welcher laut eigenen Aussagen „einer Gehirnwäsche“ unterzogen wurde, woraufhin auch noch dem sympathischen Lead-Gitarristen Hide im Jahre 1998 ein frühzeitiger Tod ereilte. Ob es Selbstmord war, oder ein unglückliches Missgeschick — das gleiche Schicksal sollte im Jahr 2011 auch dem Bassisten der Band, Taji, widerfahren. 

Trotz aller Niederschläge fand die Band im Jahre 2007 wieder zusammen, nun mit Sugizo an der zweiten Gitarre und Heath am Bass. 

Yoshiki ist nicht nur seit fast 30 Jahren einer der größten Rockstars, sondern vor allem einer der vielseitigsten Komponisten und Produzenten Japans — und ein wahres Multitalent: So produzierte er im Namen seines Labels Yoshiki Extasy Records International berühmte Bands wie Dir en Grey, Glay, Luna Sea, arbeitete an Songs mit den größten Stars der Musikgeschichte, wie etwa seinen Idolen KISS, Stan Lee, Roger Taylor, gründete weitere Bands (u.a. Violet UK, Globe, S.K.I.N.), schrieb Filmmusik und komponierte gleichzeitig Klavier-Konzerte und Symphonien für u.a. den Geburtstag des Kaisers von Japan oder die Eröffnungs-Zeremonie der World Fair Expo (2005) oder den Golden Globes (2012). 

Yoshiki wurde als Mensch, wie auch als Marke berühmt: so entwarf er z.B. auf eigenen Wunsch eine „Rock-Kimono“-Kollektion und ist der einzige Mensch der Welt mit einer eigenen Hello-Kitty-Figur. Dabei ist die Berühmtheit und der Ruhm nur ein Nebenprodukt seines Schaffens, denn: In erster Linie geht es ihm um die Liebe zur Musik:

„I love music. As long as it comes to the music world, I’m pretty confident no matter which genre, I can compose EDM, Jazz… it all depends on the timing - when I was not doing X-Japan, at that moment I was very depressed, because X-Japan broke up and hide, our guitar player, passed away and I almost wanted to quit being a musician at that time, I produced some artists and at that time I was asked to compose the theme song for the emperors birthday - it was such a honor - and end up composing Piano concerto. It just happened! (…) Because of that I came back on stage again!“

Die Inspiration und Motivation für sein musikalisches Schaffen, wie auch der anschließende Erfolg sieht er demnach mehr seinen Instinkten und schicksalhaften Fügungen, als konkreter Planung zu verdanken:

„Some cultural movements just happen without that much intention. For example, last year I organized a festival called „Visual Japan summit“ (…) I didn’t want to create such a big festival that time, just wanted to play with some friends, but then it just happened. I live more - how do you say - listening to my „instinct“, rather than just to plan.“

Nun, zehn Jahre nach der Wiedervereinigung von X-JAPAN, scheint die „undurchsichtige Wand“ trotz der langen Abstinenz endlich durchbrochen zu sein: Mit ausverkauften Welt-Tourneen und Konzerten in den USA, Nord- und Südamerika, Südasien und Europa ist die Band außerhalb Japans präsenter als je zuvor — eine vor allem durch die neuen Medien und das Internet ermöglichte Entwicklung, welche auch für Yoshiki noch unwirklich erscheint: 

„Because we broke up, of course we were not doing anything for almost 10 years, but it’s really interesting throughout those 10 years our music spread through the Internet - I thought we are just dreaming when we got offers from all over the world!“ 

Darüber hinaus erschien 2016 die Dokumentation „We are X“ (Regie: Stephen Kijak), welche am 15.10. im Gartenbaukino in Anwesenheit des Künstlers Österreichpremiere feierte. Langjährigen Fans längst überfällig erscheinend, erzählt er die Geschichte einer Band, die keinesfalls mit den grandiosen Erfolgen oder behind-the-scenes Szenen prahlt, sondern vielmehr ein „human drama“ ist, das von dem berührenden Leidensweg der Bandmitglieder, und vor allem von Yoshikis permanentem Kampf handelt: für die Band, für seine Fans, für das Leben.

Einfach, seine Leiden und Schwächen zu zeigen und die schmerzhaften Erinnerungen erneut für die Produktion aufleben zu lassen, war es dabei für Yoshiki, der Anfangs gegen die Dokumentation war, bei Weitem nicht — eher eine Kombination aus „Therapie“ und „Albtraum“:

„I didn’t want to do this film in the beginning, but my agent in America kind of convinced me, that this film can save people’s lives - it’s not only a music documentary film, it’s a life story - about life and death - so, it took a long time to decide, we’ve been talking for almost 10 years about that, like it could give people courage to move on and something like this, so we decided to do it.“

Es sei dabei eher ein Zufall, dass der Film in etwa zur gleichen Zeit wie das neue Album erscheint, so Yoshiki: „when we decided to make this film, our name was kind of spreading, too. But we didn’t try to make this film in order to make us famous or something.“

„We are X“ ist ein Porträt einer Band, die wie ihre Musik, durch die Konfrontation mit dem Thema Tod nicht etwa deprimieren, sondern ganz im Gegenteil, den Menschen Hoffnung verschaffen soll, dass — egal was kommen mag — es immer einen Ausweg gibt, es sich immer zu kämpfen und zu leben lohnt. 

Dass dieser Kampf nicht ohne Spuren auskam, lässt sich kaum verleugnen. Yoshikis selbstdestruktive Hingabe führte dazu, dass er fast jedes Mal nach einem Live-Auftritt kollabierte, keine Luft bekam, aufgrund des jahrelangen head-bangens und intensiven Spielens eine Nackenstütze tragen musste und fast paralysiert war. 

So erscheint er auch zum Interview, fünf Monate nach einer schweren Nackenoperation und mit einer Handgelenk-Bandage mit dem einzigen Wunsch, bald wieder spielen zu dürfen. Dass diese unaufhaltsame Energie gleichzeitig Fluch, wie auch ein Antrieb ist scheint selbstverständlich: 

we put our entire energy on the stage every time. Maybe that was too much - I had a neck surgery 5 months ago so at the moment I can’t play drums but I’ve been talking to the doctors, trying to go back on the stage as a drummer but I was almost paralyzed… I think this kind of energy or vibe can spread, that could have contributed to the reason why we’re here.“

Die Tatsache, dass Yoshiki „hier“ ist — am Leben ist — sieht der Komponist nicht nur als Chance, sondern in gewisser Weise auch als Verpflichtung gegenüber seiner verstorbenen Bandmitglieder — war es doch einst vor allem der Traum von Hide, außerhalb Japans Fuß fassen zu können.

Der Stil der Band soll sich, trotz des zusätzlichen Fokus auf ein englischsprachiges Publikum und den kommerzielleren Musikmarkt, nicht großartig geändert haben, so Yoshiki: „I wouldn’t say it changed, it’s just „evolving“, you know? It’s still very edgy, very heavy.“ Und ihre Lyrics? Handeln weiterhin von Tod, Konflikten, abstrakten Emotionen und Schmerz - just „even worse“! 

I am not afraid, you know, the artist needs to keep challenging something new. I don’t want to be stuck in the past then, doing the same thing. So, when we re-united the band, I talked about this subject with the members. We just didn’t want to re-unite and play our old songs — if we want to re-unite the band, we want to go on to the next step, the next stage. Maybe some fans don’t like that, but that’s okay, you know. It’s like David Bowie - he kept transforming himself to some kind of „fear“, every time he released a new album, I like that. Of course it’s not going to change completely, but I think we’re evolving.“

Was die Zukunft im Westen betrifft, ist derzeit noch warten angesagt — dennoch: die Grundsteine für eine erfolgreiche Karriere außerhalb Japans sind gelegt — man muss ihnen nur Zeit geben, denn: nach fast 30 Jahren im Musikgeschäft versucht X-JAPAN noch einmal ganz von Vorne zu beginnen — und auch endlich hierzulande die Herzen der Musikfans zu gewinnen:

„You never know, it’s just the beginning so it’s going to take time I guess, it’s not going to happen over night, it needs some time (…) this is going to be our first album towards the „world“, so it’s kind of a „debut album“ - after all those years!“

Yoshiki online:  www.yoshiki.netFB:www.facebook.com/YoshikiOfficial/ 

X-JAPAN online: www.xjapan.com / FB: www.facebook.com/XJapan/ 

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